Große begehbare Metallskulptur auf einer begrünten Halde im Ruhrgebiet, Spaziergänger im Gegenlicht, am Horizont Schornsteine und Windräder

Kunst im öffentlichen Raum hat im Ruhrgebiet eine eigene Logik. Wo andere Regionen Skulpturen vor Rathäuser stellen, stehen hier Installationen auf Halden, an Kanälen und in Fabrikruinen, weil die Landschaft selbst schon Skulptur ist. Der Tetraeder in Bottrop, die Himmelstreppe auf der Halde Rheinelbe, der Emscherkunstweg entlang eines Flusses, der gerade erst wieder zum Fluss wird: Das Ruhrgebiet hat aus seiner Industriegeschichte ein Freiluftmuseum gemacht, das keinen Eintritt kostet.

In den vergangenen Jahren sind neue Projekte hinzugekommen, kleinere, temporäre, oft in Stadtteilen, die auf keiner Touristenkarte stehen. Wie ein einzelnes Kunstprojekt eine ganze Straße verändern kann, haben wir am Beispiel der Gravelottestraße beschrieben. Hier der Blick auf die Region.

Der Emscherkunstweg: Ein Fluss als Galerie

Das größte Projekt der Region ist zugleich das leiseste. Der Emscherkunstweg begleitet den Umbau der Emscher vom offenen Abwasserkanal zum renaturierten Fluss mit Kunstwerken, die dauerhaft entlang des Wassers bleiben. Über hundert Kilometer verteilen sich Skulpturen, begehbare Installationen und Landschaftsarbeiten internationaler Künstler, erreichbar per Fahrrad auf dem Emscher-Radweg. Was 2010 als temporäre Ausstellung begann, ist heute eine dauerhafte Sammlung unter freiem Himmel, die mit jedem Bauabschnitt der Emscher wächst.

Urbane Künste Ruhr: Kunst, wo niemand sie erwartet

Während der Emscherkunstweg auf Dauer setzt, arbeitet Urbane Künste Ruhr mit dem Temporären. Die Institution, aus dem Kulturhauptstadtjahr hervorgegangen, produziert Kunst für Orte, die sonst niemand bespielt: Parkhäuser, Ladenzeilen, Wartehallen, Brachen. Die Projekte dauern Wochen oder Monate, arbeiten mit Anwohnern zusammen und verschwinden wieder, hinterlassen aber Netzwerke und manchmal auch Konflikte, weil nicht jede Nachbarschaft Kunst vor der Haustür haben will. Genau diese Reibung ist Teil des Konzepts.

Neue Projekte, die sich lohnen

Wer die Region mit dem Blick auf Kunst im Stadtraum erkundet, sollte einige Orte auf der Liste haben:

  • Halde Hoheward (Herten): das Horizontobservatorium und die Sonnenuhr auf dem Plateau, Landschaftskunst im Maßstab einer Halde
  • Zollverein-Gelände (Essen): neben dem Welterbe wechselnde Installationen im Park und in den Werkstätten
  • Innenhafen Duisburg: Skulpturen zwischen Museum Küppersmühle und den umgebauten Speichern
  • Stadtteile in Gelsenkirchen und Herne: temporäre Wandbilder und Interventionen, die aus Bürgerprojekten entstanden sind

Wer das bezahlt

Kunst im öffentlichen Raum ist teuer, wartungsintensiv und selten kommerziell. Im Ruhrgebiet trägt ein Geflecht aus Kommunen, Regionalverband, Landesmitteln und Stiftungen die Kosten. Die Kunststiftung NRW fördert seit Jahrzehnten Projekte im Land und hat eine Reihe der Arbeiten mitfinanziert, die heute als selbstverständlicher Teil der Landschaft gelten. Ohne diese Förderung wären viele Skulpturen nie entstanden oder schon wieder abgebaut, denn Wind, Regen und Vandalismus setzen Kunst im Freien anders zu als im Museum.

Die Debatte: Kunst oder Dekoration?

Nicht alle Projekte werden geliebt. Regelmäßig entzünden sich Diskussionen darüber, ob eine Skulptur auf einer Halde Kunst ist oder Stadtmarketing, ob eine Intervention im Stadtteil die Anwohner einbezieht oder über sie hinweggeht, ob das Geld nicht besser in Schulen oder Schwimmbäder gehörte. Diese Debatten sind produktiv, solange sie geführt werden, und das Ruhrgebiet führt sie lauter als andere Regionen, weil hier niemand Kunst als selbstverständlich hinnimmt.

Fazit: Die Landschaft als Ausstellung

Kunst im öffentlichen Raum funktioniert im Ruhrgebiet, weil die Region sie braucht. Sie gibt Orten, die ihre Funktion verloren haben, eine neue, sie macht Halden zu Zielen und Kanäle zu Wegen, und sie erinnert daran, dass diese Landschaft von Menschen gemacht wurde. Die neuen Projekte setzen das fort, kleiner, temporärer, näher an den Stadtteilen. Wer sie sehen will, braucht ein Fahrrad, gutes Wetter und die Bereitschaft, Kunst dort zu suchen, wo keine Museumstür ist.