Blick in den beleuchteten Gasometer Oberhausen mit einer großen Rauminstallation, Besucher als kleine Silhouetten am Boden, Lichtstrahlen fallen durch die Stahlkonstruktion

Der Strukturwandel des Ruhrgebiets wird meist als Geschichte der Arbeit erzählt: Zechen schließen, Hochöfen erkalten, Dienstleistung ersetzt Industrie. Weniger erzählt wird, was mit der Freizeit geschah. Denn eine Region, in der über Generationen die Schicht den Tag bestimmte, der Taubenschlag den Sonntag und die Kneipe an der Ecke den Abend, hat ihre freie Zeit genauso umgebaut wie ihre Wirtschaft. Und dieser zweite Wandel ist bis heute nicht abgeschlossen.

Drei Phasen lassen sich unterscheiden: die Freizeit der Industrie mit Verein, Kleingarten und Fußballplatz, die Freizeit der Kultur mit umgebauten Zechen und Festivals, und die Freizeit des Bildschirms, die seit gut fünfzehn Jahren alles überlagert. Wie sich das in einzelnen Nachbarschaften niederschlägt, haben wir im Beitrag über lebendige Nachbarschaften und kreative Ideen beschrieben.

Erste Phase: Freizeit als Gegenstück zur Schicht

Solange die Industrie den Rhythmus vorgab, war Freizeit im Ruhrgebiet kollektiv und ortsgebunden. Der Verein, die Siedlung, die Kolonie mit ihren Gärten, die Trinkhalle an der Ecke: Man verbrachte die freien Stunden dort, wo man wohnte, mit denen, mit denen man arbeitete. Das prägte eine Kultur der Nähe, die bis heute in der Vereinsdichte der Region sichtbar ist, und es prägte ein Misstrauen gegen Hochkultur, die als Sache der anderen galt.

Zweite Phase: Die Zeche wird zur Bühne

Mit dem Ende der Industrie kam die Frage, was mit den Bauten geschieht. Die Antwort war Kultur. Die Route der Industriekultur verbindet heute Dutzende ehemalige Werke, die zu Museen, Konzerthallen, Kletterparks und Ausstellungsorten geworden sind. Der Gasometer Oberhausen zeigt Ausstellungen, die Hunderttausende anziehen, in einem Raum, der einmal Gas speicherte. Das Dortmunder U verwandelte einen Brauereiturm in ein Zentrum für Kunst und digitale Kultur. Freizeit wurde damit zum ersten Mal in der Geschichte der Region zu einem Argument, hierher zu kommen statt wegzufahren.

Parallel entstand eine neue Form von Freizeit, die aus dem Sofa heraus funktioniert. Streaming, Gaming, soziale Netzwerke und die Unterhaltung, die früher einen Ausflug bedeutete, sind ins Handy gewandert. Auch das Glücksspiel gehört dazu, das im Ruhrgebiet eine lange Tradition hat, von den Wettbüros der Nachkriegszeit bis zu den Spielhallen, die in vielen Innenstädten die Ladenlokale übernahmen. Seit der Glücksspielstaatsvertrag Online-Spielotheken erlaubt, verlagert sich ein Teil dieses Marktes ins Netz, und die Orientierung ist schwieriger geworden. Die WAZ hat deshalb Casinos mit GGL-Lizenz im Überblick zusammengestellt, mit einem Vergleich nach Lizenzstatus, Einzahlungslimits und Spielerschutz, der zeigt, wie sich legale von illegalen Anbietern unterscheiden. Dass eine Regionalzeitung dieses Thema aufgreift, sagt etwas über die Region: Die Spielhalle an der Ecke ist Teil ihrer Freizeitgeschichte, und ihr digitaler Nachfolger wird es gerade.

Dritte Phase: Der Bildschirm als dritter Ort

Der Soziologe Ray Oldenburg prägte den Begriff des dritten Ortes für Räume zwischen Arbeit und Zuhause, in denen Gemeinschaft entsteht: Kneipe, Café, Vereinsheim. Im Ruhrgebiet waren diese Orte besonders zahlreich, und sie sind besonders stark geschrumpft. Trinkhallen schließen, Kneipen werden Wettbüros, Vereine finden keinen Nachwuchs. Der dritte Ort ist für viele heute das Handy: die Gruppe im Messenger, das Spiel am Abend, die Serie mit Freunden per Video.

Das ist nicht nur Verlust. Digitale Freizeit hat Vorteile, die zur Region passen:

  • Reichweite: wer in Gladbeck wohnt, hat Zugang zu derselben Kultur wie jemand in Berlin, von Konzertstreams bis zu Museumsrundgängen
  • Zeitsouveränität: Schichtarbeit gibt es weiter, und wer um 22 Uhr Feierabend hat, findet online noch Unterhaltung
  • Kosten: vieles ist günstiger als der Abend in der Stadt, was in einer Region mit niedrigem Durchschnittseinkommen zählt
  • Vernetzung: Vereine, Initiativen und Nachbarschaften organisieren sich heute digital und treffen sich dann analog

Wo Kultur und Digitales sich treffen

Die interessantesten Entwicklungen entstehen dort, wo beide Welten zusammenkommen. Die Ruhrtriennale bespielt Industriehallen mit Produktionen, die Video, Sound und Raum verbinden und ein Publikum anziehen, das klassisches Theater nie besuchen würde. Gaming-Festivals finden in Zechen statt, Museen entwickeln Apps, die Halden zu Erlebnisrouten machen, und Stadtteilinitiativen streamen ihre Veranstaltungen für die, die nicht kommen können. Der Strukturwandel der Freizeit ist an diesen Orten kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.

Was fehlt

Bei aller Euphorie über Zechenkultur und digitale Vernetzung bleibt eine Lücke: die niedrigschwelligen, kostenlosen, alltäglichen Orte. Der Kleingarten, der Bolzplatz, die Trinkhalle mit den Nachbarn. Sie sind weder Ausstellung noch App, und sie verschwinden leise. Wer über die Freizeit der Region nachdenkt, sollte sie nicht vergessen, denn sie waren es, die aus einer Industrielandschaft eine Gesellschaft machten.

Einige Kommunen haben das erkannt und fördern gezielt das Unspektakuläre: Trinkhallen als Nachbarschaftstreffs, offene Bolzplätze mit Flutlicht, Stadtteilfeste ohne Eintritt. Das ist keine Kulturpolitik im klassischen Sinn, aber es ist die Voraussetzung dafür, dass die großen Häuser überhaupt ein Publikum haben, das sich als Teil der Region versteht.

Fazit: Freizeit als Spiegel des Wandels

Das Ruhrgebiet hat seine Freizeit dreimal erfunden: als Gegenstück zur Schicht, als Kultur in Industriedenkmälern und als Leben am Bildschirm. Alle drei Schichten existieren nebeneinander, und keine hat die andere ganz verdrängt. Die Region ist damit ein Labor dafür, wie Kultur und digitale Unterhaltung zusammengehen können, mit Zechen als Bühnen, Handys als dritten Orten und einer Bevölkerung, die beides zu nutzen weiß. Was fehlt, sind die Orte dazwischen. Sie neu zu erfinden, wäre die vierte Phase.